Dienstag, 31. März 2015

Der Stilwandel der Medien am Beispiel der Medienkritik

Von Ralf Keuper

Der Stilwandel der Medien wird derzeit besonders gut am Beispiel der Medienkritik deutlich, was mehrere Beiträge der letzten Tage, wie das Gespräch «Es wurde eine neue Dimension öffentlicher Medienkritik erreicht» mit Vinzenz Wyss und 4U9525 und Medien - Ein Einwurf aus dem Internet von Christoph Kappes zeigen. 
Weiterhin erwähnenswert sind das Interview mit Bernhard Pörksen "Stichflammen- und Spektakel-Journalismus" sowie die Beiträge Flugzeugabsturz-Echtzeitjournalismus,  Katastrophen der Katastrophenberichterstattung und Zwischen Müdigkeit und Verzweiflung von Christian Bartels

Kappes und Pörksen stimmen, so weit ich sehen kann, in der Diagnose überein, dass Massenmedien nicht schweigen können. Kappes spricht von neuen Modi (Leerdrehen, Ausschaben, Echo-Fangen und Verschiebungen), Pörksen vom Nachrichtenvakkum, Faktenvakuum, Deutungsvakuum und Visualisierungsvakuum. 

Das aus dem Vakuum resultierende Dilemma ist für Pörksen:
... man tut alles, um das schlichte Eingeständnis der eigenen Ungewissheit zu vermeiden, das da wäre: Wir wissen noch nicht genug. Es gibt nichts Neues. Es gilt abzuwarten.
Das ist im Zeitalter des Echtzeitjournalismus keine Option. Für den Sensationsjournalismus war sie es ohnehin noch nie. Die Räder dürfen nicht still stehen, es muss produziert werden. Eine Eigendynamik, die keine Reflexion, kein Abwägen kennt. Es würde ihrer Produktionslogik widersprechen. Lieber häufig oder auch ständig daneben liegen und spekulieren, als gar nichts sagen. Es fragt einen Tag später ohnehin keiner mehr, ob das, was wir geschrieben oder gesendet haben, den Fakten entspricht, da wir bis dahin weitere "Informationen" geliefert haben, die nicht selten das Gegenteil aussagen. Das Kurzzeitgedächtnis der Medien und Leser sorgt für das Vergessen. Widersprüche in der Berichterstattung fallen daher kaum auf, und falls doch, werden sie von den Medien selber, wenn überhaupt, nur sehr widerwillig thematisiert. Im Produktionsprozess ist dafür eigentlich kein Zeitfenster vorgesehen - schlicht ineffizient. 

Die Rolle des Korrektivs, der Medienkritik, übernehmen daher, wie Wyss feststellt, die sozialen Medien, die digitale Öffentlichkeit. Die Massenmedien können diese Aufgabe schlicht nicht wahrnehmen. Darauf sind sie organisatorisch und kulturell nicht ausgelegt. Sie folgen einem anderen Zeitmodus. 

Aufgabe der Medienkritik ist es daher, die Funktion des Langzeitgedächtnisses einzunehmen, d.h. Widersprüche und Muster in der Berichterstattung aufzudecken und zu thematisieren. So paradox es auch klingen mag: Der Echtzeitjournalismus benötigt, wenn er nicht komplett überhitzen und leerlaufen will, die Langzeitperspektive. 

Anderenfalls fungiert er nur noch als Grundrauschen im Hintergrund. Die Leser und Zuhörer lassen dem Schauspiel freien Lauf, sehen dabei zu, wie sich die Meldungen widersprechen und sich mit der Zeit die Wahrheit, oder zumindest Umrisse davon, herauskristallisieren, oder jedenfalls die abstrusesten Versionen durch Fakten widerlegt wurden. Nur - das braucht noch zu viel Zeit. 
Daraus folgt, dass vor allem das Korrektiv seine Praxis verändern, und sich in gewisser auch beschleunigen muss. Die Evidenz von Meldungen muss sich möglichst rasch ermitteln lassen. Hierfür sind entsprechende Tools (Machine Learning, Deep Learning) von Nutzen. 

Es wäre zu wünschen, dass das Projekt News-Stream 3.0 entsprechende Werkzeuge entwickelt. 

Der Zeitmodus wird künftig ein noch wichtigeres Stilelement im Journalismus, wie überhaupt in den Medien: Echtzeit, Eigenzeit, Systemzeit, Zeit für das Vergessen, aber auch für das Erinnern ...

Weitere Informationen:

Wozu überhaupt noch Medienkritik?

Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung

Soziale Netzwerke als Propagandainstrument

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